Vorurteile gegenüber dem Islam abbauen

CDU-Vortragsreihe „Wieslocher Gespräche zu Politik und Kultur“ startet ins neue Jahr

v. l. Klaus Deschner, Christa Stängl, Jens Steinert, Daniel Wimmer, Michael Kleinjans, Luay Radhan, Dr. Jörn Döring, Adrian Seidler
v. l. Klaus Deschner, Christa Stängl, Jens Steinert, Daniel Wimmer, Michael Kleinjans, Luay Radhan, Dr. Jörn Döring, Adrian Seidler
Für den Frühjahrsvortrag ihrer Vortragsreihe „Wieslocher Gespräche zu Politik und Kultur“ suchte sich die CDU Wiesloch ein äußerst komplexes und umkämpftes Thema heraus: Es ging um den „politischen Islam“. Das Ziel des Vortragsabends sei es erneut gewesen, über ein Thema zu informieren, von dem man den Eindruck habe, enorm vieles zu wissen, obwohl das eigene Wissen bei genauerer Betrachtung doch recht sporadisch sei, wie Daniel Wimmer, der Organisator der Vortragsreihe und stellvertretender Vorsitzender der CDU Wiesloch über die Themenwahl berichtete: „Wir wollen aufklären und dazu beitragen, dass differenzierter mit diesem Thema umgegangen wird“, erklärte er die Motivation, gerade dieses Thema im Rahmen eines Vortragsabends aufzugreifen. 

Nach Jahrzehnten der Medienberichterstattung über die „Islamische Revolution“ im Iran, der Talibanherrschaft in Afghanistan oder auch die politischen Entwicklungen im Nahen Osten als Folge des so genannten Arabischen Frühlings, die beispielsweise die Muslimbrüder in Ägypten an die Macht brachten, erscheine die argumentative Nutzung des Islam als Religion in politischen Auseinandersetzungen für viele Menschen fast schon als „Normalität“, sodass gar nicht mehr hinterfragt werde, ob das Konzept des „politischen Islam“ wirklich bei allen Muslimen auf positive Resonanz stößt.
 
Zur Beantwortung dieser Frage fand man mit dem Politik- und Islamwissenschaftler Luay Radhan einen Experten, der es vermag, komplexe wissenschaftliche Fragestellungen verständlich zu vermitteln und faszinierende Einblicke in eine für viele noch immer fremde Religion zu gewähren. Radhan, der 1998 sein Abitur am Gymnasium Wiesloch  gemacht hatte, beschäftigte sich im Rahmen seiner Doktorarbeit, die er vergangenes Jahr an der Universität Marburg einreichte und die den englischen Titel Muslims Against the Islamic State: Arab Critics and Supporters of Ali Abdarraziq’s Islamic Laicism trägt, über mehrere Jahre mit dem Themenkomplex. Er bestätigte die von Daniel Wimmer in seinen einführenden Worten formulierten Eindrücke: Durch seine Forschungen konnte er belegen, dass beispielsweise allein die Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender in Deutschland ein äußerst unausgewogenes Bild des Islam vermittelt. So verbreiten etwa 80% der Fernsehberichte zu muslimischen Themen, die auf ARD und ZDF gesendet werden, eine negative Grundhaltung dem Islam gegenüber.
 
Luay Radhan gelang es mit seinem Vortrag jedoch, seiner Zuhörerschaft ein Islambild zu präsentieren, das nicht mit dem aus den Medien bekannten übereinstimmt. Gerade im Hinblick auf die Nutzung des Islam als politisches Argument konnte er im Rückgriff auf den Koran zeigen, dass diese nicht notwendigerweise mit dem Wortlaut der Heiligen Schrift der Muslime begründet werden könne. Radhan verdeutlichte dies an Hand der Tatsache, dass etwa das Wort „Staat“ im Koran überhaupt nicht vorkomme, weshalb von einem „islamischen Staat“ also überhaupt nicht gesprochen werden könne. Dabei stützte er sich nicht nur auf zahlreiche Auszüge aus dem Koran, sondern berief sich auch auf die Positionen zahlreicher Religionsgelehrter aus allen Teilen der muslimischen Welt.
 
Radhan zeigte darüber hinaus nicht nur, dass die Nutzung der Religion als politisches Argument keine Erfindung der Gegenwart ist, sondern bereits wenige Generationen nach dem Tod des Religionsgründers Mohammed in Form von Bürgerkriegen ihren Anfang nahm, sondern auch, dass in den anderen großen monotheistischen Religionen, dem Christen- und dem Judentum, ganz ähnliche Entwicklungen zu beobachten gewesen seien. Waren es doch nicht das Christentum und das Judentum als Religionen, sondern deren Nutzung als politische Argumente, die zu den Kreuzzügen führten und als Grundlage für den politischen Zionismus dienten. Radhan plädierte dafür, die beiden Sphären des Glaubens und der Politik strikt voneinander zu trenne. Eine Religion sei eine Heilsbotschaft, die sich an ein Individuum richte, das über ein Gewissen verfüge. Politische Gebilde wie Staaten seien weder Individuen noch hätten sie ein Gewissen, weshalb sie auch unmöglich der Adressat von Religionen sein könnten, so die Argumentation Radhans.
 
Wie sinnvoll die Auseinandersetzung mit solch einem hoch aktuellen und komplexen Thema ist, zeigten die zahlreichen Wortmeldungen in der abschließenden Diskussionsrunde, die weit über den religions- und politikwissenschaftlichen Kern von Luay Radhans Vortrag hinausgingen und das große Interesse der Zuhörerschaft an Fragen der Sicherheits-, Entwicklungs- und Außenpolitik erkennen ließ. An diesem Abend sei das Konzept und die Motivation für die Vortragsreihe als Forum für eine differenzierte und kritische Auseinandersetzung über gesellschaftspolitische Fragestellungen voll aufgegangen, resümierte der Organisator Daniel Wimmer.  

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